Unser G`wand
„Die alte Nationaltracht ist großentheils der Mode gewichen,
nur bei dem weiblichen Geschlechte hat sie sich noch hie und da erhalten.
Weiber und Mädchen tragen lange und faltige Röcke von schwarzem Wollenzeug,
Brust und Rücken bedeckt das „Goller“, dazu kommt vorne auf der Brust
der „ Vorfleck“... noch weniger hat sich die alte Landestracht bei dem männlichen Geschlechte erhalten.“
Als der königliche Gerichtsarzt in Starnberg Dr. von Linprun
1861 diese Zeilen schrieb, war die Tracht der Fischer am Starnberger
See schon fast vergessen, die wertvollen Trachtenstücke in Speichern
und Museen verschwunden.
"Fischertracht"
Im Zuge der Gründung der ersten Trachtenerhaltungsvereine ab den 1880er und 90er
Jahren besann man sich glücklicherweise auch in Starnberg auf das altüberlieferte
G`wand und belebte die sogenannte Fischertracht – so bezeichnet, weil sie von den
ansässigen Fischern getragen wurde - neu. Man konnte dabei einerseits auf noch
vorhandenen Originalstücken aufbauen, andererseits boten ein Deckengemälde in der
Starnberger Josefskirche aus dem Jahr 1745, sowie zahlreiche Votivtafeln eine Vorlage
für das Starnberger G`wand. Die heutige Tracht des Heimat- und Volkstrachtenvereins
beruht somit auf einer fast ungebrochenen Überlieferung.
Jede lebendige Tracht ist einem stetigen Wandel unterworfen und
kann sich natürlich auch gewissen Modeerscheinungen in Stoff und
Machart nicht entziehen. Auch die Fischertracht veränderte sich im
Laufe des vergangenen Jahrhunderts immer wieder. So wurde die
Frauentracht um 1980 von artfremden Einflüssen bereinigt und nach der
Lithographie einer Starnbergerin von Felix Freiherr von Lipowski (um
1825) erneuert. Eine Alltagstracht, das Starnberger Dirndl, das in
den 50er Jahren von der Trachtenforscherin Dr. Barbara Brückner kreiert
wurde, konnte sich nicht durchsetzen. Der ebenfalls zu dieser Zeit
entstandene „Starnberger Anzug“ erfreute sich durchaus einiger
Beliebtheit und stellte eine Alternative zur Festtracht dar. Heute wird
er jedoch nur noch vereinzelt getragen. In den letzten Jahren haben
sich auch andere Abwandlungen der Tracht entwickelt, wie zum Beispiel
die Frauentracht mit kürzerem Rock ohne Pelzmütze, oder die kurze Joppe
der Burschentracht zur langen dunklen Hose.
Getragen
wird unsere Tracht neben den Trachten- und Brauchtumsfesten vor allem
bei kirchlichen Festen, wie Fronleichnam, sowie Beerdigungen (in
abgewandelter Form), bei Taufe, Firmung, Hochzeiten und Familienfesten
oder anderen festlichen Gelegenheiten.
Die Frauentracht besteht aus einem meist schwarzen, reich
plissierten, knöchellangen Rock aus Wollstoff, gehalten von einem
gesteppten Mieder aus schwarzer Seide, das über einem brokatenen
Brustlatz mit Bändern geschnürt ist. Darunter trägt man eine weiße, mit
Spitzen besetzte Bluse. Über dem Mieder wird der kurze, einfarbig
eingefasste Spenzer aus bunter, gemusterter Seide getragen,
zusammengehalten von einer Schleife, dazu der breite, passende
Seidenschurz. Die Strümpfe, sowie der Unterrock sind weiß, die
schwarzen, ausgeschnittenen Lederschuhe tragen eine Silberschließe.
Einziger Schmuck ist die „Florschnalle“, eine silberne
Filigranschließe, die den um den Hals gewundenen schwarzen Seidenflor
zusammenhält. Der wohl dekorativste Teil der Frauentracht ist die hohe
Otterfellhaube mit dem Brokateinsatz, die sich seit Jahrhunderten als
auffälligstes Merkmal der Frauentracht unverändert erhalten hat.
Neben der „erneuerten Frauentracht“ sind verschiedene ältere Formen
erhalten geblieben, die nach wie vor getragen werden.
Die Männertracht hat sich über die vielen Jahre hinweg am
ursprünglichsten erhalten.
Am augenfälligsten ist der sogenannte „Bratenrock“ aus blauem, grünem,
roten oder schwarzem Tuch mit zwei Reihen Silberknöpfen, dessen Länge
früher auch gesellschaftliche Bedeutung hatte – je länger der Rock,
umso reicher der Bauer. Darunter trägt man eine früher meist rote,
heute auch bunte Weste (Leibl) aus Samt, Brokat
oder Seide, ebenfalls mit zwei Reihen Silberknöpfen, sowie ein weißes
Leinenhemd mit schwarzem Krawattl oder Seidenflor. Dazu die naturbraune
oder schwarze Bundlederhose, weiß ausgenäht, weiße Schafwollstrümpfe,
sowie flache, schwarze Lederschuhe mit Silberschließen. Den Kopf
bedeckt der breitkrempige, schwarze Schlapphut mit schwarzer Hutschnur
und zwei Goldquasten auf der rechten Seite, an Festtagen geziert mit
einem kleinen Sträußl frischer Blumen.
Starnberger Trachtenjugend beim Seefest 1929
Die Madltracht entstand wohl auch um 1900 im Zuge der
allgemeinen Rückbesinnung auf die Volkstracht. Auffälligster Blickfang
ist das filigrane Krönlein auf dem Kopf, das schon Dr. Linprun 1861 in
der Umgebung von Starnberg erwähnt: „...tragen die Jungfrauen bei
festlichen Gelegenheiten ... auf den Köpfen kleine Kronen, die mit den
Haarflechten durchzogen sind. In dieser Tracht sind sie nach der
Versicherung des Herrn Pfarrers sehr originell“. Die Ursprünge sind
jedoch sicherlich noch älter. Die „Kranl“ werden im Verein in
mühevoller Handarbeit aus Gold- und Silberdraht sowie Perlen selbst
hergestellt. Geziert wird es an Festtagen noch von einem frischen
Buchskranzl.
Die Jungmädchentracht besteht aus einem Leiblrock mit
dazugehörigem Spenzer aus meist blaugrundigem, gemustertem Woll- oder
Baumwollstoff und passender Schürze aus Baumwolle oder Seide. Darunter
gehört eine weiße Bluse, weiße Baumwollstrümpfe und weiße Unterwäsche.
Die Schuhe sind aus schwarzem Leder mit Silberschnallen. Den
Halsschmuck bildet ein schwarzes Samtband mit Schließe, bei älteren
Mädchen manchmal auch schon eine Florschließe wie bei der Frauentracht.
Die Madltracht hat sich im Laufe der Zeit nur wenig verändert,
lediglich um 1960 wurde die Machart etwas an die modernere Mode
angeglichen.
Die Burschentracht wurde erst nach dem 1. Weltkrieg als
Ergänzung zur Fischermadltracht als offizielle Tracht im Verein
eingeführt. Die einzelnen Elemente daraus sind jedoch schon wesentlich
früher erwähnt. Auch Dr. Linprun beschreibt schon die kurze Hosen und
die kleidsame Joppe, die der langen Hose und dem Rock vorgezogen
werden. Den hochgupfigen Stopselhut mit einer Goldschnur und zwei
Goldquasten sowie einem Spielhahnstoß auf der rechten Seite führte
schon Herzog Max in Bayern, der Vater der Kaiserin Elisabeth, am
Starnberger See ein. An Festtagen steckt sich der Bursch’ eine Blume an
den Hut. Zur „Kurzen“ aus braunem oder schwarzem Leder, weiß ausgenäht,
tragen die Burschen eine kurze Joppe mit Schoßerl oder eingesticktem
Lebensbaummotiv am Rücken in den Farben braun, grün oder blau und zwei
Reihen Silberknöpfen. Darunter ein weißes Leinenhemd Hosenträger mit
gesticktem Vereinswappen am Steg und hellblauem oder schwarzem
Schleiferl. Die älteren Burschen tragen dazu auch gerne eine Weste aus
buntgemusterter Seide. Weiße schafwollene Strümpfe und schwarze
Lederschuhe mit Silberschließen- zum Platteln auch Haferlschuhe-
vervollständigen die Burschentracht, die auch von den „Alten“ oft und
gern als Alternative zum schweren G`wand der Männertracht getragen
wird.
Bei Beerdigungen tragen die Frauen und Mädchen schwarze
Strümpfe und ein schwarzes Tuch über den weißen Spitzen, die Männer und
Burschen dunkelgraue Strümpfe, ein schwarzes Schleiferl sowie den Hut
ohne Spielhahnstoß.
Insgesamt ist unsere Starnberger Tracht
repräsentativ und kleidsam. Mehr als ein Jahrhundert wird sie nun von
Starnberger Bürgerinnen und Bürgern oft und gerne zu allen festlichen
Anlässen, ob privat oder im Verein, getragen. Wir hoffen, dies wird
auch zukünftig so bleiben, denn die Tracht stellt einen wesentlichen
Teil unserer bayrischen Lebenskultur und Identität dar, die wir für
unsere künftigen Generationen erhalten wollen.
Conny Schulz
Starnberger Trachtler bei der Fischerhochzeit in Tutzing 2006